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Shincheonji

 

Wahrnehmungen

In den Fußgängerzonen werden meist jüngere Menschen angesprochen und um Hilfe gebeten für ein Referat an der Uni, das Verständnis eines Buches oder ob man an einer Umfrage teilnehmen möchte. Schnell entsteht ein persönlicher Kontakt, man kommt über die Bibel ins Gespräch und wird zu einem Bibelkurs eingeladen. In einem dreistufigen Kurssystem werden die Interessierten Schritt für Schritt mit der Heilslehre von Shinchonji vertraut gemacht. Dabei erleben sie mit der Zeit einen enormen Druck, selbst zu missionieren und sich immer zeitaufwendiger für die Ziele der Neureligion einzusetzen.

Die Hintergründe oder der Name Shinchonji werden nicht transparent gemacht, Selbstbezeichnungen und Adressen wechseln häufig, eine Internetpräsenz wird oft als erst noch im Entstehen beschrieben.

Darüber hinaus lädt Shinchonji zu interreligiösen Friedensaktivitäten, Jugend – oder Frauenthemen oder sogar Festivals ein. Auch hier sind die Hintergründe verborgen und kaum zu durchschauen.

Schwerpunkt und Hauptsitz in Deutschland sind Berlin und Frankfurt/ M., wo die Gruppe ebenfalls mit wechselnden Tarnnamen auftritt, z.B. Bible Center, Open Bibel Academy, International Peace Forum, Friedensgemeinde, International Peace Youth Group (IPYG),World Alliance of Religions for Peace (WARP). Auch in westfälischen Universitätsstädten, besonders im Ruhrgebiet (Essen, Dortmund) werden Aktivitäten gemeldet.

Shinchonji missioniert gezielt Mitglieder anderer Kirchen. Vor allem Freikirchen aber auch landeskirchliche Gemeinden berichten von gezielten Unterwanderungsversuchen.

Im Herkunftsland Südkorea wurde Shinchonji als Ausgangspunkt eines großen Corona-Ausbruchs im Frühjahr 2020 bekannt.

 

Inhalte

Hinter diesen Aktivitäten steckt die schnell wachsende südkoreanische Neureligion Shinchonji (dt.: „Neuer Himmel und neue Erde“), die ganz auf die Person ihres Gründers Man-Hee Lee zugeschnitten ist. Er sieht sich als den verheißenen „Pastor der Endzeit“, der das Volk Gottes sammelt, um es auf das Kommen Jesu vorzubereiten. Man-Hee Lee zeigt sich oft mit einem weißen Anzug und hält in seiner Hand eine kleine Eisenstange, welche symbolisieren soll, dass er die „Macht über die Völker“ habe. Er bezeichnet sich selbst als körperlich unsterblich. In seinem Selbstverständnis beruft er sich auf verschiedene Stellen aus der Offenbarung des Johannes. Weiterhin behauptet er, dass er allein die Bibel „richtig“ auslegen könne und begründet damit ein umfangreiches System an Kursen, Lernstoffen und Prüfungen für die Mitglieder.

Man-Hee Lee geht davon aus, dass das 6000jährige Werk Gottes zu vollenden sei und die Offenbarung – gemeint sind die Verheißungen aus Offb 2 und 3 – durch ihn wortwörtlich erfüllt werden müssten. Die Mitglieder von Shinchonji sind davon überzeugt, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu errichten. Mit der Gründung von Shinchonji beginnt in ihren Augen die Zeit der zwölf Stämme mit 144.000 Priestern. Jeder Stamm soll 12.000 Mitglieder sammeln, damit sich am Ende der bereits im Himmel erfüllte Zustand auch auf Erden verwirklichen könne. Die Erfüllung der Offenbarung beginnt nach dem Selbstverständnis Shinchonjis in Korea, dem „Licht aus dem Osten“. Die Mitglieder, die sich bereits als Teil der Erfüllung der Offenbarung sehen, dürfen dabei nicht mehr zur Welt gehören, die als satanisch abgewertet wird. Die Polarität zwischen der „wahren Lehre in Shinchonji“ einerseits und den „abgefallenen satanischen Kirchen“ andererseits ist wesentlich für das heilsgeschichtliche Selbstverständnis von Shinchonji und begründet einen ausgeprägten Dualismus.

 

Einschätzungen

Shinchonji ist eine synkretistische Neureligion außerhalb der christlichen Gemeinschaft. Da alle anderen Kirchen als satanisch bezeichnet werden, gibt es keine Basis für ökumenische – oder genauer: interreligiöse – Gespräche. Das ausgeprägte dualistische Welt- und Menschenbild führt zu einem exklusiven Sendungsbewusstsein mit einer bei uns bisher in unbekanntem Maßstab ausgefeilten strategischen Missionstaktik.

Die zunächst harmlos erscheinenden Bibelkurse werden zunehmend verbindlicher und sehr zeitintensiv, so dass die Mitgliedschaft in dieser Neureligion nahezu immer begleitet wird von einem Abbruch bisheriger sozialer Beziehungen und Lebenszusammenhänge. Daraus ergibt sich ein hoher seelsorglicher Beratungsbedarf besonders im familiären Umfeld. Oft kommt es zu Studien- oder Berufsabbrüchen.

Das streng dualistische Glaubensbild erschwert den Ausstieg aus der Gruppe. Kritik wird nicht geduldet, andere Kirchen werden als dämonische Werkzeuge angesehen. Mitgliedern, die sich distanzieren wollen, wird erzählt, dass sie auf ewig verloren seien, wenn sie gehen. Manche Aussteiger*innen sprechen von dem Gefühl, verfolgt zu werden, und haben Angst.

 

Handlungsempfehlungen

Eine große Herausforderung stellt allein das Erkennen und Identifizieren von Shinchonji-Gruppen dar. Für Gemeinden besteht die Gefahr einer Unterwanderung – diese Missionsstrategie wurde mit dem Slogan „Gemeinden sind unser Futter“ von Man-Hee Lee selbst ausgerufen.

Hat man eine Shinchonji-Anhänger- oder Fassadenorganisation identifiziert, kann man versuchen, Betroffene und das Umfeld über die wahren Hintergründe aufzuklären. Die Inanspruchnahme professioneller Begleitung und Beratung ist im Zusammenhang mit Shinchonji sehr zu empfehlen.

Mit Shinchonji, ihren Fassadengemeinden und -einrichtungen sollten selbstverständlich keine gemeinsamen Aktionen durchgeführt werden. Räumlichkeiten dürfen ebenfalls nicht zur Verfügung gestellt werden.

 

 

Weitere Informationen:

Zentrum Oekumene (Hg.): Empfehlungen zum Umgang mit Shinchonji, 3. Auflage Frankfurt am Main 2020 von Oliver Koch. https://www.zentrum-oekumene.de/fileadmin/redaktion/Weltanschauungen/Shinchonji_2020_01.pdf

Jasmin Rollmann: Shincheonji – eine neu-religiöse Bewegung aus Südkorea, in: Klöcker/Tworuschka (Hg.): Handbuch der Religionen, Bd. IX – 29.