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Christliche Versammlung (Geschlossene Brüdergemeinden)

Wahrnehmungen

In der Öffentlichkeit begegnet man den Geschlossenen Brüdern kaum, man kann sie an manchen Orten durch ihre einfach gestalteten Schaukästen erkennen, mit denen sie auf ihre „Christliche Versammlung“ mit Gottesdienstzeiten hinweisen. Sie wirken praktisch nicht in die Öffentlichkeit hinein, haben selten eine Internetpräsenz, sind zahlenmäßig oft sehr klein und bilden auch keine übergemeindlichen Organisationen oder Netzwerke.

Herkunft

Die Brüderbewegung stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England. Der anglikanische Priester John Darby (1800-1882) schloss sich dem Protest kirchenkritischer Kreise an und sammelte unter Konzentration auf die Bibel und einen daraus abgeleiteten Lebensstil Gläubige vor der Wiederkunft Christi. Die als verweltlicht kritisierte anglikanische Kirche wurde abgelehnt ebenso wie alle anderen bestehenden Kirchen und übergemeindliche Strukturen. Die akribische Suche nach dem Bösen auch in den eigenen Reihen führte zu einer rigorosen Ethik.

Mitte des 19. Jahrhunderts gelangte diese Bewegung auch nach Deutschland.

Inhalte

In dogmatischer und ethischer Hinsicht gehören die Geschlossenen Brüder wohl zu den strengsten Gruppierungen innerhalb der Evangelikalen. Sie verstehen sich selbst einfach „nur als Christen“, die sich „im Namen Jesu versammeln“, entsprechend nennen sie ihre Zusammenkünfte „Versammlung“ und nicht „Gottesdienste“ o.ä.  Die Brüder-Versammlung am jeweiligen Ort stellt die Kirche vor Ort dar, da es biblisch nur eine christliche Gemeinde am Ort geben könne. Als „unbiblisch“ werden alle Verbandsstrukturen wie auch jede Zusammenarbeit mit den Großkirchen, aber auch mit anderen evangelikalen Gemeinschaften oder Werken strikt abgelehnt. Beziehungen zu anderen Orts-Versammlungen bestehen durch gegenseitige Besuche „dienender Brüder“ sowie eine kleine Verlagsarbeit („Christliche Schriftenverbreitung“, csv-Verlag).

Eine Ordnung ihrer Versammlungen gibt es nicht, ebenso werden geistliche „Ämter“ abgelehnt. Geistliche Dienste werden nach jeweiliger Begabung und nur von Männern ausgeübt. Zentral ist das „Brotbrechen“ am „Tisch des Herrn“ (Abendmahl), zu dem nur Gläubige der eigenen Versammlung und solche externen „Geschwister“,  die ein Empfehlungsschreiben oder ein glaubwürdiges Zeugnis vorweisen können, zugelassen sind,.

Die aus der Bibel abgeleiteten ethisch rigorosen Vorschriften werden beobachtet, Verstöße werden mit Gemeindezucht bis zum Ausschluss sanktioniert. Der Autorität der Gemeindeleiter kommt dabei ein besonderes Gewicht zu.

Dadurch entsteht ein äußerst konservatives Bild von Mensch und Gesellschaft. In der Praxis betrifft dies vor allem die Rolle der Frau, ihr wird in besonderer Weise Demut und Bescheidenheit, beispielsweise in der Kleidung (bescheiden, keine „unweibliche“ Kleidung) abverlangt und sie darf keine geistlichen Aufgaben übernehmen. Der Mann gilt als Familienoberhaupt, dem sich die Frau unterzuordnen hat. Seine Rolle ist die des Ernährers, ihre die der Mutter und Erzieherin der Kinder Sexuelle Beziehungen sind nur in der Ehe gestattet, praktizierte Homosexualität gilt als schwere Sünde. Auch in der Kindererziehung herrscht eine große Strenge bis hin zu körperlichen Strafen.

Einschätzungen

Die Geschlossenen Brüdergemeinden suchen nach dogmatischer und ethischer Reinheit, die sie vor allem in allem „Weltlichen sehen. Ihre Geschichte ist bis heute eine Geschichte der ständigen Absonderung und führt zu zahlreichen Abspaltungen, deren Gründe von außen oft nur schwer nachzuvollziehen sind. Weil die Ambivalenz des menschlichen wie auch des christlichen Lebens nicht gesehen wird, versucht man, das „Böse“ aus der Gemeinschaft heraus nach „außen“ zu tragen. Damit sind konstruktive Konfliktlösungen kaum möglich, mit besonders problematischen Folgen, wenn sich solche Konflikte in die Familien hinein ziehen.

Die ausdrückliche Ablehnung aller übergemeindlichen Beziehungen zeigt ein der ökumenischen Christenheit fremdes Verständnis von der Einheit des Leibes Christi und wird ebenfalls von Gedanken der Reinheit der Gemeinde getragen. Das Verständnis des christlichen Glaubens ist von starker Gesetzlichkeit und von Rigorismus geprägt. Das nach evangelischem Verständnis bedingungslose Angenommensein des Menschen durch Gott wird in der Brüderbewegung an ethische Bedingungen und auch an die Zustimmung der Gemeinde gekoppelt und damit wieder relativiert. Verbunden mit einer starken Betonung der Wiederkunft Christi und des Weltgerichts können so Konformitätsdruck und problematische Ängste erzeugt werden.

Die Ablehnung jeder Konfessionszugehörigkeit führt zur Vorstellung, man könne die Bibel ohne jedes Vorverständnis und ohne jede hermeneutische Reflexion lesen und verstehen. Daher wird die als wortwörtlich von Gott inspirierte Bibel ahistorisch unmittelbar in unserer Gegenwart übertragen.

Handlungsempfehlungen

Begegnungen mit geschlossen Brüdern sind selten, da sie ihren Glauben völlig abgeschottet leben und keine ökumenischen Kontakte suchen. In seelsorgerlichen Begegnungen mit Menschen aus ihren Reihen kann es hilfreich sein, den ethischen Rigorismus unter Bezugnahme auf Gottes bedingungslose Annahme zu relativieren.